Unter dem Bürostuhl sitzen drei Hebel. Einen kennt die Mitarbeiterin: Damit stellt sie die Höhe ein. Die anderen beiden hat sie irgendwann einmal ausprobiert. Weil sich die Rückenlehne danach ungewohnt bewegte, hat sie alles wieder festgestellt. Seitdem bleibt es so.
Der Stuhl war nicht billig. Bei der Anschaffung wurde auf Qualität geachtet, und einstellen lässt sich daran offenbar einiges. Nur hat niemand erklärt, was davon wofür gedacht ist. Die Anleitung liegt vermutlich noch irgendwo. Im Karton vielleicht, der längst entsorgt wurde.
Also passt sich die Mitarbeiterin ihrem Arbeitsplatz an. Sie rutscht etwas nach vorn, weil sie so besser an die Tastatur kommt. Zum Lesen kleiner Schrift beugt sie sich zum Bildschirm. Am Nachmittag zieht es im Nacken. „Heute war wieder viel los“, sagt sie und packt ihre Tasche.
So könnte ein Arbeitstag aussehen, an dem die Ausstattung einiges zu bieten hätte – aber wenig davon genutzt wird.
Gut gekauft ist noch nicht gut eingerichtet
Bei Ergonomie denken viele zuerst an Möbel. Ein ordentlicher Stuhl, ein höhenverstellbarer Tisch, vielleicht noch eine besondere Maus. Das sind sichtbare Dinge. Man kann sie auswählen, bestellen und anschließend sagen: Wir haben etwas getan.
Ob der Arbeitsplatz zur Person und ihrer Tätigkeit passt, zeigt sich allerdings erst bei der Nutzung. Was für den großen Kollegen bequem erreichbar ist, kann für die kleinere Kollegin ungünstig liegen. Ein Bildschirm, der gestern für eine kurze Eingabe ausreichte, wird heute vielleicht mehrere Stunden für die Bearbeitung einer Tabelle gebraucht.
Dabei geht es nicht nur um den Schreibtisch. Auch die Höhe einer Arbeitsfläche, die Anordnung von Werkzeugen oder der Platz für häufig benötigtes Material bestimmen, wie Menschen ihre Arbeit ausführen. Manches lässt sich verändern. Dafür muss zunächst jemand bemerken, dass die vorhandene Anordnung unnötige Mühe macht.
„Geht schon“ ist eine dürftige Rückmeldung
Wir sind ziemlich gut darin, uns mit Dingen zu arrangieren. Der Bildschirm steht etwas seitlich? Dann drehen wir uns eben. Das Material liegt weit hinten? Dann strecken wir uns. Der Stuhl fühlt sich nicht passend an? Vielleicht ist das einfach Gewöhnungssache.
Solche Anpassungen fallen von außen oft kaum auf. Die Arbeit wird schließlich erledigt. Wenn niemand etwas sagt, entsteht leicht der Eindruck, dass alles passt.
Ich finde, wir dürfen genauer fragen. Nicht nur: „Haben Sie alles, was Sie brauchen?“ Sondern auch: „Kommen Sie damit gut zurecht? Was ist umständlich? Was müssen Sie immer wieder ausgleichen?“
Darauf kommen andere Antworten. Vielleicht stellt sich heraus, dass jemand die Einstellmöglichkeiten gar nicht kennt. Vielleicht ist eine häufig benötigte Ablage schlecht erreichbar. Vielleicht passt die Ausstattung grundsätzlich, aber nicht zu der Aufgabe, die inzwischen den größten Teil des Tages einnimmt.
Der Arbeitsplatz bleibt, die Arbeit verändert sich
Viele Arbeitsplätze werden einmal eingerichtet und danach lange nicht mehr bewusst betrachtet. In der Zwischenzeit ändern sich Aufgaben, Programme und Abläufe. Aus gelegentlicher Bildschirmarbeit wird ein Tag voller Videokonferenzen. Ein zusätzlicher Monitor kommt dazu und wird dort hingestellt, wo gerade Platz ist.
Auch Menschen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Eine vorübergehende Einschränkung nach einer Verletzung kann dazu führen, dass ein vertrauter Handgriff plötzlich schwerfällt. Eine andere Person benötigt dauerhaft eine angepasste Lösung.
Deshalb lohnt es sich, die Einrichtung erneut anzusehen, wenn sich etwas verändert. Dabei müssen Mitarbeitende nicht selbst herausfinden, welches Hilfsmittel das richtige ist. Sie sollten aber wissen, wo sie Unterstützung bekommen und dass sie Schwierigkeiten ansprechen dürfen.
Bewegung braucht Platz im Arbeitstag
Zur Ergonomie gehört auch der Blick auf den Ablauf. Wer konzentriert arbeitet, bemerkt manchmal erst beim nächsten Termin, wie lange er kaum seine Position verändert hat. Der höhenverstellbare Tisch steht dann den ganzen Tag auf derselben Höhe, obwohl er mehr Möglichkeiten bieten würde.
Ein Hinweis auf Bewegung ist schnell gegeben. Interessanter ist, wie sie im tatsächlichen Arbeitstag Platz findet. Lassen sich Tätigkeiten sinnvoll abwechseln? Gibt es Gelegenheiten, die Position zu verändern? Oder sind die Abläufe so eng getaktet, dass selbst kleine Unterbrechungen als störend empfunden werden?
Das lässt sich gemeinsam betrachten. Gute Ausstattung und eine passende Arbeitsorganisation ergänzen sich. Beides wird im Alltag gebraucht.
Wissen, was sich verändern lässt
Eine Schulung kann dabei helfen, den eigenen Arbeitsplatz mit anderen Augen anzusehen. Welche Möglichkeiten bietet die Ausstattung? Welche Gewohnheiten haben sich eingeschlichen? Und an welcher Stelle wäre fachkundige Unterstützung sinnvoll?
Dabei ist mir wichtig, Ergonomie nicht auf die Aufforderung zu reduzieren, sich endlich ordentlich hinzusetzen. Menschen arbeiten unter konkreten Bedingungen. Diese Bedingungen gehören mit in den Blick.
In der EU AI Act Academy geht es deshalb auch bei Ergonomie um verständliche Beispiele und den Bezug zur eigenen Tätigkeit. Das Wissen soll helfen, Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen und im Unternehmen anzusprechen.
Vielleicht beginnt das mit einer anderen Anordnung auf der Arbeitsfläche. Vielleicht mit einem Gespräch über den Ablauf. Und manchmal mit jemandem, der sich kurz Zeit nimmt und erklärt, wofür die beiden anderen Hebel unter dem Stuhl eigentlich da sind.
