Der Karton steht da nur kurz.

Eine Lieferung kommt früher als erwartet. Im Lager ist gerade kein Platz, die zuständige Kollegin telefoniert, und der Fahrer muss weiter. Also stehen die Kartons erst einmal auf dem Flur. Nur kurz, bis sich jemand darum kümmern kann.

Das Telefon klingelt wieder. Ein Kunde hat eine Frage. Die Mittagspause beginnt. Am Nachmittag stehen die Kartons immer noch dort, inzwischen mit einer leeren Verpackung daneben. Alle gehen daran vorbei. Man muss sich ein wenig seitlich drehen, aber es geht ja.

So könnte eine ganz gewöhnliche Geschichte aus einem ganz gewöhnlichen Betrieb anfangen. Niemand hat beschlossen, den Brandschutz zu vernachlässigen. Jeder hatte nur gerade etwas anderes zu tun.

Wie aus einer Ausnahme Alltag wird

„Nur kurz“ ist ein erstaunlich dehnbarer Zeitraum. Gemeint sind fünf Minuten. Daraus wird bis nach der Pause, dann bis zum Feierabend und manchmal bis jemand fragt, ob die Sachen eigentlich noch gebraucht werden.

Dabei verändert sich etwas: Was beim ersten Vorbeigehen noch auffällt, gehört beim fünften Mal schon zum gewohnten Bild. Beim nächsten Paket ist der Platz bereits gefunden. Dort stand schließlich gestern auch etwas.

Das passiert nicht, weil Menschen grundsätzlich gleichgültig sind. Es passiert, weil ein voller Arbeitstag Aufmerksamkeit verlangt und wir uns an unsere Umgebung gewöhnen. Genau deshalb lohnt es sich, bei solchen kleinen Ausnahmen hinzusehen.

Alle wissen es. Wer kümmert sich?

In einer Schulung würden vermutlich die meisten richtig antworten, dass ein Fluchtweg frei bleiben muss. Im eigenen Betrieb steht trotzdem etwas im Weg. Zwischen dem Wissen und dem Handeln sind Fragen offen geblieben: Wohin soll die Lieferung? Wer räumt sie weg? Und wen spreche ich an, wenn ich das selbst nicht erledigen kann?

„Das müsste mal jemand machen“ klingt nach einer Feststellung. Im Alltag ist es häufig eine Aufgabe ohne Empfänger.

Eine allgemeine Regel hilft dann nur bis zu einem bestimmten Punkt. Damit sie praktisch funktioniert, braucht es auch einen vorgesehenen Platz für Lieferungen und eine klare Zuständigkeit. Sonst steht die nächste Person mit dem nächsten Karton vor genau demselben Problem.

Ansprechen muss möglich sein

Dazu gehört noch etwas, das sich nicht mit einem Schild lösen lässt: Wie reagieren wir, wenn jemand auf ein Problem hinweist?

Wer auf „Hier steht etwas im Weg“ regelmäßig ein genervtes „Ja, ich weiß, wir haben gerade andere Sorgen“ bekommt, wird beim nächsten Mal vielleicht nichts mehr sagen. Dabei ist der Hinweis genau das, was ein Betrieb braucht. Jemand hat hingesehen und angesprochen, was im Tagesgeschäft untergegangen ist.

Ich finde, das darf unkompliziert sein. Ein Hinweis muss keine Grundsatzdiskussion auslösen. Oft reicht es, kurz zu klären, wer sich kümmert und wohin die Sachen kommen. Damit wird aus dem guten Vorsatz eine erledigte Aufgabe.

Hier muss Schulung ankommen

Für mich zeigt sich an solchen Situationen, ob eine Unterweisung im Alltag hilft. Die Regel zu kennen ist die Grundlage. Anwenden lässt sie sich leichter, wenn Mitarbeitende die Verbindung zum eigenen Betrieb herstellen können: zu diesem Flur, dieser Lieferung und der Person, die jetzt zuständig ist.

Deshalb gehören für mich verständliche Beispiele und betriebliche Abläufe zusammen. Eine gute Schulung darf die Frage aufwerfen: „Wie machen wir das eigentlich bei uns?“ Manchmal fällt dabei auf, dass es darauf noch keine klare Antwort gibt. Dann hat die Frage bereits etwas bewirkt.

Genau diesen Anspruch verfolge ich mit der EU AI Act Academy: Wissen so vermitteln, dass Menschen es in ihrem Arbeitsalltag wiedererkennen und anwenden können. Dazu gehört auch das Firmenwissen – wer zuständig ist, welche Regeln gelten und wie ein Problem gemeldet wird.

Der Karton ist eine Kleinigkeit. Ob sich jemand darum kümmert, sagt trotzdem einiges darüber aus, wie Regeln im Unternehmen gelebt werden.